Filmprogramm

Animierte Dokumentarfilme bei wunder. Internationales Figurentheaterfestival

Filmmuseum des Münchner Stadtmuseums
Tickets (4 €) an der Abendkasse oder über https://www.muenchner-stadtmuseum.de/film

Animierte Dokumentarfilme haben Konjunktur: Ob Zeichentrick, Stop-Motion oder klassisches Puppenspiel – Puppen und Figuren ermöglichen es, Dinge sichtbar zu machen, die anders nicht darstellbar wären. Dabei geht es nicht nur um das „Nachstellen“ der Vergangenheit. Greueltaten und Tabuthemen, die sonst unerträglich wären, finden hier eine filmische Umsetzung. Zugleich macht die Verfremdung durch die Figuren jederzeit deutlich, dass es sich nicht um Realität, sondern – auch im Dokumentarfilm – nur um Fiktion handelt. Die kleine Reihe zeigt sechs sehenswerte und sehr unterschiedliche Formate.

Coltan-Fieber: Connecting People

Donnerstag, 20. Oktober, 19.00 Uhr
Jan-Christoph Gockel und Yves Ndagano (DE/CD)

Deutschland, Kongo, 2020 | Erwachsene | Sprachen: Französisch, Deutsch und Lingala mit deutschen und englischen Untertiteln | 77 min. | Michael Pietsch (Puppenbau) und Kathrin Liess (Produktionsleitung) sind anwesend

Yves Ndagano ist ein ehemaliger Kindersoldat und Schürfer einer Coltan-Mine im Osten der Demokratischen Republik Kongo. In „Coltan-Fieber: Connecting People“ reist er erstmals zurück an die Orte seiner Kindheit. Mit einer Holzpuppe als Stellvertreter kann er das Unsagbare, was ihm geschehen ist, ausdrücken. Ndagano begegnet seinen Entführern, kehrt zurück in die Coltan-Mine und versucht so aufzudecken, in welchem Zusammenhang sein Schicksal mit dem globalen Rohstoffhandel steht. Dann bricht während des Filmdrehs der Vulkan Nyiragongo aus.
Diesen inneren und äußeren Zerstörungen begegnet Yves Ndagano mit einem in Europa unterschätzen Konzept: der Reparatur – dem Glauben, dass Dinge wiederhergestellt werden können und daraus Neues entstehen kann.

 

 

The Unseen

Freitag, 21. Oktober, 21.00 Uhr
Behzad Nalbandi (IR)
Iran, 2019 | Erwachsene | OmeU | 61 min.

Obdachlose werden im Iran „Kartonmenschen“ genannt. Behzad Nalbandi macht in seinem liebevoll animierten Stop-Motion-Film daraus ein ästhetisches Prinzip: Alles ist aus Pappe und Karton, nur die Tonspur stammt von heimlich aufgenommenen Interviews mit obdachlosen Frauen. Denn wie in Deutschland sind Obdachlose auch im Iran nicht gern gesehen. Wenn Staatsbesuch ansteht, sperrt man sie in Teheran weg. Die Männer kommen kurze Zeit später wieder frei; obdachlose Frauen, Prostituierte und Drogenabhängige bleiben weiter in Haft.

 

 

Anmaßung

Samstag, 22. Oktober, 21.00 Uhr
Chris Wright und Stefan Kolbe (DE)
Deutschland, 2021 | Erwachsene | Sprache: Deutsch | 111 min.

2015 lernen Wright und Kolbe den Strafgefangenen Stefan S. kennen. In der Sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Brandenburg absolvieren sie gemeinsam die Therapiegruppe „Männlichkeit und Identität“. Vier Jahre begleiten Wright und Kolbe den Sexualstraftäter Stefan S. durch die letzten Jahre seiner lebenslangen Haftzeit. In dieser Zeit absolviert Stefan S. eines der fortschrittlichsten Programme zur Behandlung von Gewalt- und Sexualstraftäter*innen. Seine Entlassung rückt näher, und Wright und Kolbe fragen sich zunehmend, was sie hier überhaupt tun. Stefan S. lässt sich nur widerwillig auf den Film ein. Er möchte nicht erkannt werden. Also verlagern Wright und Kolbe ihre Erzählung in den Theaterraum. Hier wird Stefan S. von einer Puppe vertreten, geführt von zwei Spielerinnen.

 

La casa lobo

Freitag, 28. Oktober, 21.00 Uhr
Cristóbal León, Joaquín Cociña (CHL)
Chile 2018| Erwachsene | Sprache: Deutsch | 73 Minuten

Schon unter dem einleitenden Pseudo-Propagandafilm für die Colonia Dignidad in Chile liegt diese bedrohlich sanfte Erzählerstimme, nur zu bald identifizierbar als die des kreidesatten bösen Wolfs. In einer alptraumhaften Horror-Fabelwelt als Stop motion inszeniert, zeichnet das Märchen vom Mädchen Maria, das mit zwei Gefährten aus der Colonia in eine Waldhütte flieht, ein beängstigendes Psychogramm der autoritären deutschen Sekte. Wahrhaft fantastisch ist in dieser grandiosen Politparabel die Animation, die sich weniger „bewegt“, als vielmehr fortlaufend mutiert, sich zerfasert und wieder aufbaut.

 

 

Chris the Swiss

Freitag, 29. Oktober, 21.00 Uhr
Anja Kofmel (CH)
Schweiz, Kroatien, Deutschland, Finnland, 2018 | Erwachsene | Sprachen: Schweizerdeutsch, Englisch, Spanisch, Deutsch | 90 min.

Kroatien, Januar 1992. Mitten in den Jugoslawienkriegen wird Chris, ein junger Journalist aus der Schweiz, unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden. Zum Zeitpunkt des Todes trug er die Uniform einer internationalen Söldnergruppe. Seine Cousine Anja Kofmel bewunderte ihn als kleines Mädchen. Als erwachsene Frau beschließt sie, seiner Geschichte nachzugehen und versucht zu verstehen, was Chris’ tatsächliche Beteiligung an diesem Konflikt war. Von ihrer Recherche erzählt sie in einer feinen Mischung aus Dokumentar- und Animationsfilm, inzwischen schon mehrfach preisgekrönt.

  

 

Everything Will Be Ok

Sonntag, 30. Oktober, 17.00 Uhr
Rithy Panh (FR/KH)
Frankreich, Kambodscha, 2021 | Erwachsene | Sprache: Französisch | 98 min.

Nach einer Zeit der mörderischen Ideologien und des verheerenden Speziesismus haben die Tiere die Menschen unterworfen und die Weltherrschaft übernommen. Denkmäler wurden gestürzt, doch schon werden neue errichtet. Ein Planet der Affen, Wildschweine und Löwen – die Revolution eines ganzen Bestiariums, das die Gräuel des 20. Jahrhunderts umkehrt und neu begeht. Die Tragödien der Geschichte wiederholen sich als Farce, mit der Möglichkeit, dass daraus ein „anmutiger und zarter Ungehorsam“ erwächst.

 

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